Platon (428-348 v. Chr.), Apologie 23 a5 - b10
23 b8: erdrückt von ἀσχολία / a-scholía / rastloser Tätigkeit,
23 b9: bleibt Sokrates keine σχολή / scholáe / ruhige Zeit für Familie und Staatsgemeinschaft
Platon, Nomoi 781 d9-e3
781 e1: es ist ein Genuss, Zeit zur Verfügung zu haben σχολή / scholáe
781 e2: das heißt, nicht gedrängt zu sein, sondern in angemessener Weise wissenschaftlich forschen zu können
Cicero (106-43 v. Chr.), De officiis I, XX 69-XXI 71
XX 69 es gibt zwei Präferenz-Möglichkeiten für die Menschen:
neg-otium: Tätigkeit um des Erwerbs von Macht und Reichtum willen,
otium: Muße/bescheidenes Leben um der tranquillitas willen
— Ziel beider Einstellungen: libertas —
XXI 70 dementsprechend gibt es zwei Lebensweisen:
die otiosi bieten eine geringere Angriffsfläche, da sie kein Problem sind für die anderen
die Politiker erreichen für die Gemeinschaft Vorteile, für sich Ruhm
— die Wahl ist nicht nur ins Belieben des Einzelnen gestellt —
Cicero, De natura deorum I 3,8; 4,7-8
4,7: otium als unfreiwilliger Rückzug aus der Politik
4,8: otium als Verpflichtung für neuen Inhalt, für geistige Arbeit
Sallust (86-34 v. Chr.), Coniuratio Catilinae 10, 1-2
10,2: otium als kriegfreie Zeit ist ambivalent: Sehnsucht und Gefahr
Vergil (70-19 v. Chr.); Bucolica, Ekloge 1, 1-10
v.4, 6-10: otium als kriegfreie Zeit ist ein Geschenk und wird adäquat genutzt durch ein friedvolles Leben in der Natur
Platon, Theaitetos 175 d7-e2
Voraussetzung für die Ausbildung zum Philosophen: σχολή / scholáe / Zeit, die frei ist von Zwängen jeder Art
Seneca (ca. 4-64 n. Chr.), epist. 82, 2-3
2: durch fehlende Herausforderung wird die Seele träge
3: ohne geistige Beschäftigung vegetiert der Mensch nur, wird stumpf und unlebendig
— otium kann der „Tod“ sein —
Plinius (62-ca. 113 n. Chr.)
1-2: in der Großstadt vertut man seine Zeit/dies absumere
4-6: auf dem Land lebt man eine richtig verstandene anspruchslose Muße
6: otium als wissenschaftliches Arbeiten ist das schönste neg-otium
— otiosum esse heißt nicht nihil agere —
Blaise Pascal (1623-1662), Pensées, frg. 127, frg. 131
frg. 127: zur conditio humana gehört die Unbeständigkeit mit ihren Folgen ennui, inquiétude
frg. 131: wenn der Mensch diese Unruhe nicht mit Tätigkeit oder Zerstreuung stillen kann, fällt er in Depression
Immanuel Kant (1724-1804), Anthropologie in pragmatischer Hinsicht I 1 §14, (A 151-152)
Lange Weile: einerseits leidet der Mensch unter dem Ausbleiben von Empfindungen bis zum Lebensüberdruss
Betätigung: andererseits steht einer Anwendung des Gegenmittels die ganz normale Trägheit entgegen.
Ruhe negativ: kein Genuss, da man sie sich nicht verdient hat
Ruhe positiv: die Vernunft erfindet Rechtfertigungsgründe
Zeit-vertreib: einerseits versucht der Mensch, die langweilige Zeit zu nobilitieren (tempus fallere) durch unproduktive, aber nach Kultivierung aussehende Spiele, andererseits bringt er es fertig, die Zeit „totzuschlagen“ durch nichtiges Tun.
Sören Kierkegaard (1813-1855), Entweder-Oder I, Wechselwirtschaft (DTV München 1975)
335: Langeweile:
die Masse, die keine Zeit zur Langeweile hat, langweilt die anderen – die Privilegierten langweilen sich selbst.
die Unermüdlichen, Korrekten langweilen die anderen – die bekannten schillernden Figuren unterhalten mit ihrer Gelangweiltheit die anderen.
336: Müßiggang:
Müßiggang ist ein erstrebenswerter Zustand, die Langeweile ist aller Laster Anfang.
Müßiggang ist ein humanum, Zeit für geistiges Wollen, pausenloses Tätigsein ist ein Automatismus.
337: Zerstreuung:
die schädliche Langeweile kann nur aufgehoben werden durch Zerstreuung.
falsch verstandene Zerstreuung, die Bedeutendes und Unbedeutendes nicht differenziert, ruft Langeweile hervor, da sie ohne Nachhall bleibt, ein Nichts.
338: Veränderung:
die Langeweile wünscht Veränderung, Bewegung.
die Veränderung muss aber wohldurchdacht sein.
339: Wechselwirtschaft:
falsche Wechselwirtschaft bietet Veränderung um jeden Preis, Hektik.
richtig verstandene Wechselwirtschaft bedeutet, sich zu beschränken.
(http://www.humanismus-heute.de/erwartungshorizonte/erw200506.html)
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